Was hinter einer Hardshell steckt

By Hervé Barmasse


Basierend auf jahrzehntelanger Erfahrung im Alpinismus und intensiven Produkttests zeigt Hervé Barmasse, wie sich technische Hardshells weiterentwickelt haben, um mehr Komfort, Wetterbeständigkeit und Sicherheit zu bieten.

Die Anfänge

Als ich mit dem Bergsteigen begann, war die Bekleidung und Ausrüstung für die damalige Zeit zweifellos hochmodern, von den heutigen Standards jedoch noch weit entfernt. Meine Jacken wogen fast doppelt so viel wie moderne Modelle, wurden bei Kälte steif und waren oft nur eingeschränkt atmungsaktiv.

Selbst Details wie Reißverschlüsse, Verschlüsse oder die Verarbeitung der Nähte waren zwar sorgfältig entwickelt, unterschieden sich jedoch deutlich von dem, was wir heute kennen. An besonders stürmischen Tagen, bei Schneefällen oder wenn ein eisiges Biwak bevorstand, war der klügste Schritt daher oft der rechtzeitige Rückzug, um auf bessere Bedingungen zu warten und den Aufstieg später erneut zu versuchen.

Noch früher, in den Jahren, in denen ich jede Gelegenheit nutzte, um in die Berge zu kommen oder an Expeditionen teilzunehmen, obwohl mir kaum finanzielle Mittel zur Verfügung standen, war es ganz normal, Ausrüstung aus anderen Sportarten zweckzuentfremden. Ich erinnere mich noch gut daran, bei meiner ersten Winterbesteigung des Matterhorns einen Wollpullover statt einer Daunenjacke getragen zu haben, einfach weil ich mir eine solche Jacke nicht leisten konnte. Später, erneut am Matterhorn bei der Erschließung einer neuen Route, griff ich auf eine Radjacke zurück, weil mir ein warmer Fleece fehlte.

An diese Jahre erinnere ich mich besonders gerne, weil sie mir etwas vermittelt haben, das meine Haltung bis heute prägt: mit den Elementen zu leben, selbst unter den härtesten Bedingungen, ohne zu klagen und ohne zu erwarten, dass sich die Natur meinen Bedürfnissen anpasst.

„Die Berge werden ihre Regeln niemals für uns ändern.
Was wir tun können, ist, genauer hinzuhören.“

Der Weg zur Innovation

Der erste echte Durchbruch im Bereich der Hardshells war etwas, das ich unmittelbar spürte: der Moment, in dem ich zum ersten Mal eine Jacke trug, die auch bei länger anhaltender Anstrengung tatsächlich atmungsaktiv war.

Es war keine plötzliche Erkenntnis, sondern das Ergebnis jahrelanger Tests und enger Zusammenarbeit mit Marken in meiner Rolle als Athlet und Entwicklungspartner, eine Aufgabe, die ich bis heute mit großer Leidenschaft ausübe. Dünnere Membranen, intelligentere Nahtkonstruktionen und Schnitte, die den Bewegungen des Körpers folgen, statt lediglich vor den Elementen zu schützen: All diese Entwicklungen konnte ich auf anspruchsvollen Expeditionen, schwierigen Bergtouren und unzähligen Trainingstagen in den Alpen unter realen Bedingungen erproben.

Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass meine Aufgabe in der Produktentwicklung nicht darin besteht, ein Kleidungsstück einfach zu tragen und zu beurteilen, ob es funktioniert. Meine Aufgabe ist es, es genau dorthin mitzunehmen, wo es seine Leistungsfähigkeit tatsächlich beweisen muss. Dorthin, wo jedes Detail zählt: wenn die Hände kalt sind, der Rucksack schwer wird, der Wind auffrischt, Schnee in jede Öffnung dringt und man trotzdem weitergehen muss.

Genau dort trifft eine Idee, die am Computer entstanden ist, auf die Realität.

In gewisser Weise bilde ich die Verbindung zwischen diesen beiden Welten. Auf der einen Seite stehen Designer, Techniker, Schnittmacher und Entwickler, die Materialien, Konstruktionen und technische Lösungen erforschen. Auf der anderen Seite steht der Berg, der keine Abkürzungen kennt und keine Kompromisse akzeptiert. Meine Aufgabe besteht darin, die Erfahrungen aus dem Gelände zurückzubringen und sie gemeinsam mit den Menschen, die die Produkte entwickeln, in konkrete Verbesserungen umzusetzen.

Manchmal bedeutet das nur eine kleine Anpassung: eine Tasche um wenige Zentimeter zu versetzen, einen Reißverschluss zu ändern oder das Volumen einer Kapuze neu abzustimmen. Manchmal bedeutet es jedoch auch, ein ganzes Designkonzept infrage zu stellen.

Es ist ein fortlaufender Dialog zwischen Erfahrung und Technologie. Und ich bin überzeugt, dass die besten Produkte genau aus diesem Dialog entstehen, nicht dann, wenn die Technologie versucht, dem Berg voraus zu sein, sondern wenn sie bereit ist, von ihm zu lernen.

Das gilt insbesondere für die vergangenen Jahre und die Entwicklung der neuen Vertigo-Linie gemeinsam mit dem Produktentwicklungsteam von Montura. Auf lange Tage im Designstudio, in denen jedes Detail verfeinert wurde, folgten Wochen intensiver Praxistests, um herauszufinden, ob das, was auf dem Papier überzeugend aussah, auch am Berg wirklich funktioniert.

Denn genau dort zeigt ein Produkt, was in ihm steckt.

Vor allem bei schlechtem Wetter, unter härtesten Bedingungen und auf Expeditionen. Dort erkennt man, ob ein Schnitt tatsächlich funktional ist, ob sich ein Verschluss auch mit klammen Fingern bedienen lässt und ob eine Membran die Körperwärme wirksam regulieren kann, wenn der Körper an seine Grenzen geht.

Ein perfektes Beispiel dafür sind die neuen Daunenjacken, die ich im vergangenen Oktober während ihrer abschließenden Praxiserprobung am Numbur getestet habe: ein ungeplantes Biwak auf 6.900 Metern Höhe bei Temperaturen von deutlich unter −25 °C.

Zu meiner Erleichterung kehrte ich damals mit der Gewissheit ins Tal zurück, dass das, was wir uns vorgestellt, erarbeitet und entwickelt hatten, seinen Zweck erfüllt hatte: selbst in anspruchsvollsten Umgebungen hohen Komfort zu bieten und mir vor allem die Möglichkeit zu geben, mich auf das zu konzentrieren, was in diesem Moment wirklich zählte.

„Es sind oft die Details, die auf dem Papier unbedeutend wirken, in der Praxis jedoch einen enormen Unterschied machen können.“

Was macht eine Hardshell wirklich aus?

Wasserdichtigkeit ist ein Begriff, der auf nahezu jedem Etikett zu finden ist. Doch in großer Höhe erzählt er nur einen Teil der Geschichte.

Eine Hardshell kann auf dem Papier wasserdicht sein und sich dennoch in eine Dampfkammer verwandeln, sobald man mit einem schweren Rucksack ein Couloir hinaufsteigt. Die entscheidende Frage lautet nicht einfach: „Hält sie das Wasser draußen?“ Bei einem Produkt dieser Kategorie sollte das eigentlich selbstverständlich sein.

Wichtiger sind andere Fragen: Kann sie die Wärme und Feuchtigkeit, die mein Körper produziert, effektiv ableiten? Ist sie robust genug für den Kontakt mit Fels in gemischtem Gelände? Hält sie einem aufziehenden Sturm stand? Wie reagiert das Material, wenn es versehentlich von einem Pickel oder einem Steigeisen beschädigt wird? Und vielleicht am wichtigsten: Lässt sie sich reparieren?

Dann gibt es die Details, die auf dem Papier nebensächlich erscheinen, im Gelände aber einen enormen Unterschied machen können.

Einen Frontreißverschluss zum Beispiel, der sich bedienen lässt, ohne die Handschuhe auszuziehen. Eine Kapuze, die den Kopfbewegungen folgt und auch über einem Helm das Sichtfeld nicht einschränkt, wenn man nach oben blickt, um die Route zu lesen. Oder Ärmelabschlüsse, die Schnee zuverlässig fernhalten und gleichzeitig mit unterschiedlichen Handschuhtypen kompatibel sind.

Jedes dieser Details mag für sich genommen gering erscheinen. Zusammen jedoch prägen sie unsere Beziehung zu einer Jacke.

Denn wenn technische Bekleidung wirklich funktioniert, wird sie mit der Zeit zu mehr als nur einem Ausrüstungsgegenstand. Sie wird zu etwas Vertrautem, etwas, auf das wir uns verlassen, und etwas, zu dem wir immer wieder greifen.

Und wenn wir sie Jahre später schließlich durch ein moderneres Modell ersetzen müssen, ist diese alte Jacke nicht einfach nur ein abgenutztes Kleidungsstück im Schrank. Sie trägt Erinnerungen in sich: an Berge, Herausforderungen, Emotionen und gemeinsame Abenteuer.

Sicherheit und die Grenzen der Technologie

Heute verfügen wir über leichtere Membranen, die denselben Schutz vor Witterungseinflüssen bieten, Isolationsmaterialien, die auch unter feuchten Bedingungen leistungsfähig bleiben, und Stoffe, die den Bewegungen des Körpers folgen, statt sie einzuschränken. Am Berg geht es dabei nicht nur um Komfort oder Leistung. Es geht auch um Sicherheit.

Eine Bekleidungsschicht, die Kälte und Feuchtigkeit zuverlässig fernhält, hilft dabei, Energie und mentale Klarheit länger zu bewahren. Und genau diese Klarheit kann in großer Höhe, bei extremer Kälte oder in anspruchsvollem Gelände entscheidend sein, wenn wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen.

Doch es gibt eine Grenze, die keine Membran jemals überwinden wird: Technologie kann keine Entscheidungen für dich treffen.

Sie kann die Zahl der Faktoren reduzieren, die du im Blick behalten musst. Sie kann dich besser vor den Elementen schützen. Sie kann dazu beitragen, Energie zu sparen. Doch sie kann nicht deine Fähigkeit ersetzen, Gelände, Wetter, Schnee oder Wind richtig einzuschätzen. Und vor allem kann sie nicht dein Urteilsvermögen ersetzen, wenn es Zeit ist umzukehren.

Eine fortschrittlichere Hardshell macht mich nicht stärker und bringt mir auch nicht bei, eine Wand oder einen Berg besser zu lesen. Sie nimmt mir lediglich einige der Hindernisse ab, die früher unnötig Energie und Aufmerksamkeit gekostet haben.

Die Berge hingegen haben ihre Regeln nicht verändert. Sie verlangen noch immer Demut, Anpassungsfähigkeit und die Bereitschaft, umzukehren, wenn es notwendig ist.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Innovation und Erfahrung aufeinandertreffen: Die Materialien entwickeln sich weiter, während der Berg derselbe anspruchsvolle Lehrmeister bleibt, der er immer schon war.

Für diejenigen von uns, die an der Produktentwicklung beteiligt sind, besteht die Verantwortung nicht einfach darin, etwas Leichteres, Robusteres oder Technischeres zu schaffen. Es geht darum zu verstehen, was wir wirklich brauchen, wenn die Bedingungen schwierig werden, und den Mut zu haben, diese Realität an die Menschen weiterzugeben, die das Produkt entwickeln.

Denn Technologie hat nur dann einen Wert, wenn sie auf ein echtes Bedürfnis antwortet.

Meine Aufgabe besteht deshalb darin, die Stimme des Berges in den Entwicklungsprozess einzubringen. Sie ins Unternehmen zurückzutragen, mit den Menschen zu diskutieren, die entwerfen, konstruieren, nähen und Materialien entwickeln, und anschließend wieder ins Gelände zu gehen, um herauszufinden, ob wir einen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben.

Die Berge werden ihre Regeln niemals für uns ändern.

Was wir tun können, ist, genauer hinzuhören.

Und vielleicht ist genau das die authentischste Bedeutung von Innovation: den Berg nicht einfacher zu machen, sondern Menschen dabei zu unterstützen, ihm mit mehr Bewusstsein und Verständnis zu begegnen.

Lerne den Autor kennen

Hervé
Barmasse

Am Fuße des Matterhorns geboren und aufgewachsen, in einer Familie, in der der Beruf des Bergführers seit Generationen weitergegeben wird, schien es fast selbstverständlich, dass Hervé denselben Weg einschlagen würde.

Tatsächlich entwickelte sich alles eher zufällig und Schritt für Schritt. Mit fünfzehn Jahren galt er als vielversprechendes Skitalent, doch ein schwerer Wettkampfunfall beendete seine Hoffnungen auf eine Profikarriere abrupt. So stand er eines kalten Oktobermorgens zum ersten Mal am Matterhorn und begann den Aufstieg.

Damals konnte er noch nicht ahnen, dass ihm die Berge einige der intensivsten und bedeutungsvollsten Momente seines Lebens schenken würden.

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